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“Zuwanderungsland Vorarlberg”

Netzwerk mehr Sprache


... so lautete der Titel des Vortrages in der Reihe „Netzwerk mehr Sprache“ von Dr. Kurt Greussing.
“Wie durch Fremde Einheimische entstehen” - diesen auf den ersten Blick seltsamen Untertitel für seinen Vortragsabend in der Volksschule Mähdle konnte der aus Lauterach stammende Sozialwissenschafter und Publizist mit interessanten Beispielen belegen.

Seit den 1870er Jahren ist Vorarlberg – als Folge der Industrialisierung - ein klassisches
Zu- und Abwanderungsland. Das blieb nicht ohne Folgen. Gerade die Zuwanderung
in mehreren Phasen (von der italienischen nach 1870 bis zur jugoslawisch-türkischen nach 1970) trug maßgeblich zu dem Bild bei, das sich die Einheimischen (und die jeweils einheimisch Gewordenen) von sich selber machten.
„Denn durch die Vorstellungen, die man sich von den Fremden macht, entstehen die
Vorstellungen davon, was man selber ist (oder sein möchte).

Die ‚Fremden‘ und ‚die Vorarlberger‘ sind also Zwillinge“, erklärte Dr. Greussing. Die oft und gerne zitierten ‚alemannischen Tugenden‘ wie Fleiß oder Sparsamkeit sind somit auch das Ergebnis unablässiger Bemühungen, sich als ‚Einheimische‘ von den ‚Fremden‘ abzugrenzen.

Bis heute wird laut Dr. Greussing von vielen Menschen die zwingende Logik ignoriert, wonach die Industrialisierung (und damit der Wohlstand des Landes) untrennbar mit der Zuwanderung von Arbeitskräften verbunden ist. Die Vorstellung, es handle sich dabei um eine flexible Masse, die man „ohne Anspruch auf Heimatrecht und soziale Stabilität“ jederzeit auch wieder loswerden könne, erwies sich als grundlegender Irrtum.

Dr. Greussing zeigte eindrucksvoll, wie alle Zuwanderergruppen in Vorarlberg in den vergangenen bald 150 Jahren mit den gleichen Vorurteilen zu kämpfen hatten, wie leicht auch heute noch Ängste geschürt und politisch verwertet werden können. Dass die anschließende Fragerunde fast so lange dauerte wie der Vortrag selbst, zeigt das große Interesse der Besucherinnen und Besucher.

Elisabeth Fischer, Gemeinderätin für Soziales Miteinander