Marktgemeinde Wolfurt Menü

Graffiti - Kann mehr sein als Schmiererei!

Grafitti Wolfurer Achbrücke, März 2017

Als erstes denkt man beim Begriff „Graffiti“ leider an Schmierereien – dank all derjeniger Sprayer, die es darauf anlegen, ihre Markierungen an allen (un-)möglichen Orten anbringen zu wollen. Mutprobe? Zeichen setzen? Grenzen überschreiten?
Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Und leider oft von großem Ärger, Aufwand und Kosten begleitet, da – bewusst oder unbewusst – Schaden angerichtet wird.

Graffiti kann aber mehr als Schmiererei. Wir kennen alle auch die beeindruckenden Werke – Urban art, die echtes Können voraussetzen. Zeichen, die staunend gesehen und wahrgenommen werden.

Wolfurt hat vor mehreren Jahren einen spannenden Schritt gemacht und Sprayern 2 großzügige Flächen unter der Fahrradbrücke an der Ach zur Verfügung gestellt. Was auf diesen Flächen übers Jahr passiert, ist immer überraschend und sehenswert. Praktisch über Nacht kann sich alles verändern!

Zerstört werden diese Werke selten – gibt es doch einen Kodex unter den Sprayern, dass eine Zeitspanne lang das Werk geschützt gehört. Bei mutwilligen Schmierereien wird der Sprayer persönlich sein Werk übermalen und zerstören und sonst keiner. Gewünscht ist aber, dass sich das Graffiti mit der Zeit durch qualitätsvolle Ergänzungen verändert und weiterentwickelt – bis ein neuer Sprayer die Wand für sich erobert.
Wer genau hinschaut, erkennt die Zeichen, die auf den Ersteller hinweisen, nicht selten werden die eigenen Bilder in den Sozialen Netzwerken geteilt, um auf das neue Werk hinzuweisen.

Wir haben PEKS gefragt, einen erfahrenen Sprayer, der sich nicht nur praktisch mit dem Thema auseinandersetzt, sondern bereits eine Arbeit über Graffiti verfasst hat:

Die meisten "lernen" das Graffiti-Schreiben (Writen) über Tags. Gerade Kinder und Jugendliche sehen diese auf der Straße,
in (Musik-) Videos, im Internet, TV etc. Zudem kommt natürlich das Gefühl des Illegalen hinzu. Meiner Meinung nach kommt noch sowas wie ein "Instinkt" dazu. Menschen zeigen gern "ich bin/war hier!", "ich lebe!"etc. Es gibt kaum jemanden der noch nicht in einem Klo etwas gekritzelt hat, etwas in einen Baum geritzt hat, oder ähnliches.
Manche tauchen tiefer in die Materie ein, man lernt andere Writer und Sprayer kennen, schaut sich viele Bilder im Internet an, skizziert, lernt mit der Spraydose umzugehen, imitiert und kommt so im besten Fall zu einem eigenen "Style".

Ich persönlich bin froh wenn Kids heute erste Erfahrungen in der Schule, im Jugendzentrum etc. machen können.
Selbst gebe ich wöchentlich Workshops in Schulen und Jugendzentren in Wien (gelegentlich in Vorarlberg) und sehe immer wieder, dass sich die Kids einfach nicht wirklich auskennen. Viele wissen nicht welche Strafen auf sie zukommen können, wissen nicht dass es auch legale Möglichkeiten gibt sich im Sprühen zu versuchen, wissen nicht dass sie ihren Körper schützen sollten, kennen die Basics nicht. Das wäre meiner Meinung nach sehr wichtig!

Was man bewirken will mit Graffiti ist sehr unterschiedlich. Der größte Anreiz ist wahrscheinlich der "Fame" (wenn auch nur in der eigenen Szene - denn meist können nur diese die Schriften lesen). Der eigene Name soll überall stehen, die Züge sollen ihn durch die Städte transportieren, eventuell mal in den Medien vorkommen ("all city fame"), etc.
Aber wie oben schon erwähnt gibt es auch zahlreiche andere Motivationen, politische, purer Vandalismus, Kunst, Mitgestaltung der eigenen Umwelt, das Einnehmen von öffentlichem Raum, etc.

Was würde man sich wünschen?

Von Sprüher zu Sprüher unterschiedlich, vor allem aber sicher größeres Interesse und Ansehen der Öffentlichkeit (auch wenn der harte Kern darauf bestimmt pfeift).
Wenn es um die legalen Wände geht - die "Halls of Fame" - wie die in Wolfurt, würde ich sagen, dass man es nie schaffen wird, dass alle Sprüher nur noch dort sprühen, da es eben vielen um das Gefühl des Illegalen geht, um den Adrenalin-Kick, um den verrücktesten "Spot"(Ort der Anbringung), etc.
Jedoch gibt es viele Sprüher (wie mich) die gerne mit der Gesellschaft arbeiten, die gerne ihre Umwelt mitgestalten und verschönern, die gerne zeigen was sie schaffen und lieber in einer etwas bunteren Umgebung leben würden. Außerdem müssen die Kids das Sprühen ja auch irgendwo lernen - und tun das bestenfalls an den legalen Plätzen.

Für uns sind diese legalen Wände enorm wertvoll. Ich finde es schade dass diese Wände immer eher am Rande bestehen, immer eher außerhalb der Stadt, wo sie ja kaum gesehen werden. Die Wand in Feldkirch ist im Nirgendwo, die in Dornbirn kennen nicht einmal die Dornbirner selbst, die in Bregenz sieht man zumindest vom Zug aus, aber sonst kaum wer und die in Wolfurt an der Ach ist auch nur den Spatziergängern  dort bekannt und zudem mit den 3 Wänden die kleinste "Hall" die ich kenne. An diesen legalen Plätzen sind die meisten Werke auch extrem schnell wieder übermalt - chronischer Platzmangel! Ich persönlich brauche etwa 5,6 Stunden und zahle etwa 30 Euro pro Bild für Material, das kommt teuer und ist mühsam.

Es wäre schön wenn es Plätze mitten in der Gesellschaft geben würde, aber die sind enorm schlecht zu bekommen.
Ich selbst merke wie unglaublich schwierig es ist Wände zum Malen zu bekommen.
Ich schreibe Städte an, die ÖBB, Firmen und private Personen und frage ob ich diese oder jene graue, kaputte, öde Wand bemalen dürfte, mit abgesegnetem Konzept, ohne Kosten für diese Personen... Das ist kaum möglich.
Dreckige, graue Wände, heruntergekommen mit Hakenkreuzen und anderem Blödsinn verschandelt - ich darf sie nicht verschönern und das ist für mich unverständlich. Ich würde mir dahingehend mehr Offenheit, Zusammenarbeit statt prinzipieller Ablehnung und Verständnis erhoffen.
Ich denke aber auch, dass das immer mehr kommen wird. Große Städte haben schon längst erkannt, dass eine bunte Stadt den Tourismus ankurbeln kann (siehe Hafen Linz, siehe Donaukanal Wien) und positiv für die Gesellschaft ist.  Vorarlberg ist da eben noch relativ weit davon entfernt, öffnet sich nur sehr langsam.